Stadttheater Bremerhaven - Terror

Rezension „1984“ im Stadttheater Bremerhaven

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Gestern Abend waren wir wieder einmal in unserem schönen Stadttheater Bremerhaven. Es wurde das Stück „1984“ nach dem Roman von George Orwell gegeben.

„1984“

In der Romanvorlage „1984“ ist Winston Smith der Protagonist der Handlung. Smith ist einfaches Mitglied einer diktatorisch herrschenden Staatspartei. Im Leben der Menschen ist eine Überwachung durch den Staat allgegenwärtig. Dieser Überwachung zum Trost versucht Smith mehr über die nicht manipulierte Vergangenheit herauszufinden. In der perfekten Welt von 1984 gibt es keine objektive Wahrheit mehr, sondern nur die Wahrheit der Partei. Der Konflikt mit dem System führt zu einer stürmischen Liebesaffäre, Verrat und Gehirnwäsche.

Der Roman

Bereits im Jahr 1946 hatte Orwell mit der Verfassung seines wohl berühmtesten Buches „1984“ begonnen. Zur damaligen Zeit hatte er sich auf der Insel Jura vor der schottischen Küste aufgehalten. Endgültig fertig gestellt wurde das Buch aber erst 1948. Auf Anspielung einer damals noch fern erscheinenden, aber doch mit der Gegenwart verknüpften Zukunft, ist der Romantitel ein Zahlendreher des Jahres der Fertigstellung des Manuskriptes. Die Erstausgabe des Buches kam in London am 8. Juni 1949 in den Verkauf.

Der Autor George Orwell

George Orwell hieß eigentlich Erich Arthur Blair und wurde am 25. Juni 1903 in Motihari, Bihar, Britisch-Indien geboren. Er war Schriftsteller, Essayist und Journalist. Zu den Werken Orwells, die man kennen sollte zählen die Romane „Eine Pfarrerstochter“ (1935) und „Auftauchen, um Luft zu holen“ (1939), seine außergewöhnlichen Sozialreportagen, wie „Erledigt in Paris und London“ (1933) und „Der Weg nach Wigan Pier“ (1937), und verschiedene z.T. sehr unterschiedlichen Essays.

In besonderer Weise hat sich Orwell durch seine Dystopien, zwar erst nach seinem Tode, einen Namen gemacht. Neben „1984“ wäre die „Farm der Tiere“ (1945), eine satirische Fabel über den sowjetischen Kommunismus, eine Leseempfehlung wert. Orwell gilt bis heute als einer der bedeutendsten Schriftsteller der englischen Literatur und Mitbegründer der sozialkritischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Am 21. Januar 1950 verstarb der Autor von „1984“ nur knapp ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung seines größten Werkes in London.

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Aufführung im Stadttheater Bremerhaven

Die gegebene Theaterfassung stammt von Alan Lyddiard mit der deutschen Textüberarbeitung von Michael Raab. Natürlich kann und muss eine Romanfassung, die für die Bühne adoptiert wird, gewissen Änderungen unterworfen werden. Der Inhalt ist stärker gestrafft und auf wesentliche Handlungsstränge reduziert. Die inhaltliche Tiefe geht dabei aber keineswegs verloren.

Will man die gestern erlebte Vorführung mit einem Wort zusammenfassen, dann trifft es wohl „stimmig“ am besten. Die Aufführung war gelungen, zeigte ein perfektes Zusammenspiel zwischen Darstellern, Technik und Bühnenbild.

Gelungene Umsetzung

Zur gelungenen Umsetzung am Stadttheater Bremerhaven zählt auch, dass die insgesamt sieben Schauspieler fast immer gleichzeitig auf der Bühne präsent sind. Egal wer gerade nicht am agieren ist, der bleibt auf der Bühne und sorgt für eine Beobachtung des verdächtigen Protagonisten. Dieser wird dadurch ständig mehr oder weniger belagert. Der Überwachungseindruck dieser dystoptischen Welt des Orwell wird am Stadttheater von Anfang an gut und nachfühlbar inszeniert.

Winston Smith wird in der Inszenierung von Thomas Oliver Niehaus, von drei gleichzeitigen Erzählern unterstützt. Die Erzähler bringen die Handlung voran und offenbaren die Gedankenwelt von Smith dem Publikum. Widerstand gegen „Big Brother“, gegen „Doppeldenk“ und gegen „Neusprech“ sind die 3 Kernthemen, die immer wieder die Gedanken der Handlung bestimmen. Die Rolle des „Winston Smith“ ist eine echte schauspielerische Herausforderung, der Henning Bäcker mehr als ausreichend und souverän gewachsen ist.

Die gespielten Soundtracks für „1984“ auf der Bremerhavener Bühne stammen aus den Charts der 80er mit modernen Anklängen. Für die Musiker war Patrick Schimanski zuständig und hat eigens für die Bremerhavener Inszenierung Texte aus der Romanvorlage neu vertont. Es war eine stimmige und interessante Mischung aus Synthie-Pop, Elektro-Pop mit typischen Einschlägen der1980er Jahre. Das Lebensgefühl von damals empfindet man auf jeden Fall mit, wenn die Melodien erklingen.

Bühnenbild

Das was fehlte, war das beeindruckende an der Aufführung am gestrigen Abend. Die Bühne des Stadttheaters Bremerhaven kommt ohne aufwändige technische Sperenzchen aus und schafft es trotzdem eine bedrückende Überwachungs-Atmosphäre zu kreieren. Da hängen Mikrofone von der Decke. Scheinwerfer sind an den Seiten streng positioniert und immer im markanten Blickfeld.

Der Bühnenraum ist bis zur hinteren Ecke offen und bietet weder den Schauspielern noch dem Auge des Betrachters eine einzige Rückzugsmöglichkeit. „Wir haben nichts/ zu verbergen“ als Leuchtschrift in Großbuchstaben überstrahlt den gespenstischen Hintergrund der sonst kahlen Szenerie. Es ist auch hier wieder stimmig, den so entstehenden Raum als Neuerfindung der Roman vorhandenen Dystopie auf der Bühne noch einmal neu zu erschaffen.

Mein Eindruck

In den klassischen Textfluss der Inszenierung sind lässig hineinassoziiert moderne Stichworte der Gegenwart. Die „Neusprech“-Debatte wird so zu einer Kritik am verstümmelten Deutsch des Twitterns etc.  Die Leuchtkraft der Erkenntnis wird durch helles Saallicht unterstützt. Es gibt revolutionäre Vorträge gegen ein Prozent der Menschheit, die die Hälfte des Weltvermögens besitzen. Für mich ist es sehr geschickt von Regisseur Thomas Oliver Niehaus zwischen der Erzählperspektive des Romans und der Ich-Perspektive der Hauptfigur Winston zu wechseln. Die Worte Orwells werden so in diskursiver Atmosphäre dargeboten und mögen mich zu überzeugen. Alles in allem ein Doubleplus good um es mit Orwells Worten aus „1984“ zu sagen.

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Ausblick

Für mich ist George Orwells düstere Zukunftsvision, 1948 geschrieben, sozusagen als Warnung zu verstehen, die Schlimmeres verhindern könnte, wenn wir uns deren Aussage bewusst machen. Wenn man sich heute in der Welt umsieht, so sieht es eher so aus, als stünden wir kurz vor der Verwirklichung dieser finsteren Idee eines Orwells.

Bilder zur Aufführung und ein Video gibt es auf der Seite des Stadttheaters Bremerhaven. Eine letzte Aufführung von „1984“ am Stadttheater Bremerhaven findet morgen statt.

Off-Topic

Nach einer Textanalyse ist dieser Text zu 50% subjektiv, die wichtigsten Worte sind: George Orwell, Roman, Winston Smith, Überwachung, Handlung, Stadttheater Bremerhaven, Schauspieler

Ein Computer würde diesen Text der Kategorie Kultur zu ordnen.

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