Stadttheater Bremerhaven

Bildnachweis: Sabrina Czak

„Sunset Boulevard“ Musical-Klassiker von Andrew Lloyd-Webber am Stadttheater Bremerhaven

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Am Sonntagabend war es wieder so weit: Unser jährlicher Besuch des Stadttheaters Bremerhaven stand im Kalender, denn immer Anfang Oktober suchen wir uns ein Stück aus dem Musiktheater aus. Dieses Jahr war der Musical Klassiker „Sunset Boulevard“ von Sir Andrew Lloyd-Webber im Angebot.

Das städtische Dreispartentheater in Bremerhaven zeichnete sich in der Vergangenheit durch sehens- und hörenswerte – überregionale – Musicalproduktionen aus. Wie ich in verschiedenen früheren Rezensionen berichtet habe, ist die Qualität oft unterschiedlich. Bei Produktionen, bei denen auf externe und erfahrene Musicaldarsteller verzichtet wird, kann ich auf kritische Töne oft nicht verzichten.

in der am Sonntag gegebenen Aufführung der neusten Produktion „Sunset Boulevard“ von Sir Andrew Lloyd Webber ändert sich dies nicht. Mit Andrea Matthias Pagani ist zwar ein sehr angesehener Künstler der Sparte für die Rolle des Max von Mayerling eingekauft worden, die restlichen anderen Rollen werden aber vom hauseigenen Personal abgedeckt, welche überwiegend im Operngenre zu Hause sind. In der Inszenierung von Ansgar Weigner schafft das Ensemble trotzdem insgesamt einen stimmungsvollen und gelungenen Abend.

Sunset Boulevard

Das bekannte Drama um die alternde Hollywood-Stummfilmdiva Norma Desmond spielt in deren irrealen Scheinwelt. Ihre Karriere ist genauso heruntergekommen wie die Villa, in der die Diva mit ihrem Bulter Max lebt. Max von Mayerling ist der erste Ehemann von Norma und versucht, mit aller Kraft die Diva bei Laune zu halten. Norma Desmond holt sich den erfolglosen Filmautor Joe Gillis als Liebhaber ins Haus. Der Versuch mit seiner Hilfe in Hollywood erneut durchzustarten, ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Als sich Joe schließlich in die Produktionsassistentin Betty Schaefer verliebt, ist die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Und wie bei fast jedem Webber Musical, ist am Ende mindestens ein Hauptdarsteller tot.

Inszenierung im Stadttheater Bremerhaven

Als städtisches Theater muss das Haus in Bremerhaven mit einem eng bemessenen Budget haushalten. Daher ist es nur natürlich, dass das Bühnenbild und die Requisiten oft wieder verwendet und umgestaltet werden. Das Stadttheater besitzt hierfür einen großen Fundus, wie ich bei einem eindrucksvollen Instawalk durchs Haus erfahren durfte.

Die reduzierte und karge Möblierung unterstützt den abgewrackten Eindruck der Villa, hätte aber durchaus mehr Prunk der „alten Zeit“ vertragen können. Der Kontrast zu der Imaginierung der Studiokulisse der Paramount Studios wirkt gelungen, hätte aber durchaus durch den Bühnenwechsel mit Hilfe der Drehbühne deutlichere Grenzen gebraucht. Der räumliche Bühnentrenner, der zum Teil auch als Projektionsfläche dient, wirkt oft fehl am Platz. Bis auf eine in einer Wiederholungsschleife laufenden Straßenprojektion werden Projektionen zu selten eingesetzt, um die Handlung zu unterstützen.

Die Kostüme wirken passend ausgesucht und sind bis auf einige Ausnahmen bei Joe Gillis stimmig. Im Besonderen überzeugt haben mich die pompösen Glitzergewänder für Norma Desmond, diese werden einer Diva gerecht.

Chor und Orchester

Musikalisch hat das Orchester des Stadttheaters unter der Leitung von Ektoras Tartanis eine erfreuliche Leistung abgeliefert. Es wurde aber deutlich, dass mit den Künstlern zusammen wenig geprobt wurde.

Allen voran die Bläser, übertönte die Musik immer wieder die Stimmen der Darsteller. Bei den gemeinsamen Arrangements war die Gesangsstimme nicht zu verstehen. Im Laufe des Stückes wurde dieses „Lautstärkenproblem“ deutlich besser, dennoch hat das Zusammenspiel einiges an Optimierungspotential.

Wie bereits erwähnt, ist der größte Teil des Ensembles in der Oper zu Hause. Große Choreografien sind entsprechend kaum möglich. Die Choreographie von Lidia Melnikova ist eine ordentliche Kompromisslösung mit einfachen Gruppenchoreografien, die ihren Zweck erfüllen und zufrieden stellen. Der Stoff des Stückes hätte jedoch mehr Potential gehabt, komplexere Choreografien darzustellen.

Die Regie

Während Bühnenbild, Ausstattung, Chor und Orchester eine solide Leistung abgeliefert haben, muss ich an dieser Stelle ein paar kritische Worte über die Regie verlieren. Ansgar Weigner hat nicht allzu viel Erfahrung im Bereich Musiktheater, was in der Inszenierung in Bremerhaven auch zu merken war.

Mir persönlich fehlte der rote Faden. Einige Szenen wirkten völlig uninszeniert. Beispielsweise zu Beginn des zweiten Aktes, als Joe Gillis seine musikalische Abrechnung mit Hollywood und dem dazugehörigen Genre im Rahmen des Titelsongs „Sunset Boulevard“ präsentiert, lässt Weigner seinen Hauptdarsteller zunächst mit dem Rücken zum Publikum hinter einer Leichenbahre agieren. Hier erschließt dem Betrachter weder der Zusammenhang mit der Bahre, dem Ambiente einer Leichenhalle, noch das szenische Staging. Die minimale Mimik und Gestik der Figur verkehrt die Szene ins Gegenteil und lässt keine Wut erkennen. Die sich bereits im ersten Akt andeutende Liebesbeziehung zwischen Joe und Betty werden in der Inszenierung Weigner fast komplett ignoriert und erst in der Mitte des zweiten Aktes überhaupt herausgearbeitet, wobei das Paar nie verliebt wirkte.

Es gab für mich nur eine einzelne Szene, die ich als vollkommen gelungen ansehen würde. Die Rückkehr Normas in die Paramount Studios war für mich gesanglich, musikalisch und von der Gestaltung definitiv das Highlight des Abends.

Die Darsteller

Gesanglich der stärkste Auftritt ist klar dem Musicalprofi Andrea Matthias Pagani zuzuschreiben. Er gibt einen starken Max von Mayerling. Mit einem kraftvollem Bariton und großem Spaß am Spiel verleiht er auf der Bühne seiner Rolle hundertprozentige Glaubwürdigkeit.

Im Stadttheater spielt Sascha Maria Icks die Norma Desmond. Sie gehört eigentlich dem Schauspielensemble an. Ihre angenehme und verständliche Gesangsstimme hat mich ungeplant überrascht. Als gelernte Schauspielerin kann sie darstellerisch absolut überzeugen. Die stimmlichen Schwächen in den hohen Lagen mag man einer Schauspielerin verzeihen und sie mindern ihre künstlerische Leistung keineswegs.

Das eigentliche Problem in der Rolle der Norma kann die Künstlerin selbst nicht lösen: Sowohl ihre Stimme, ihre Körperspannung als auch die optische Ausstrahlung sind nicht die einer alternden Stummfilmdiva. Der Treppenabstieg beispielsweise wirkte eher staksig als elegant und war zu hart überzeichnet. Obwohl vielleicht das letzte Quäntchen Pathos und Lebenserfahrung fehlte, das zu dieser Rolle zwingend gehört, konnte ich mich mit der Darstellung der Norma durchaus anfreunden.

Als musicalerprobter Betrachter hatte ich am gestrigen Abend mein größtes Problem mit Vikrant Subramanian als Joe Gillis. Subramanian ist und bleibt Opernsänger. Zu einem guten Musicaldarsteller gehört meiner Meinung nach eine gewisse Mimik und Körpersprache. Dieser Ausdruck ist bei Operndarstellern deutlich reduzierter, was bei einem Musical aber nicht ausreichend ist. Ein einfaches Lächeln, eine Zigarette nach der anderen rauchen und mit der Hand in der Tasche auf der Bühne stehen, ist für ein Musical nicht optimal. Die Rolle ist aus schauspielerischer Sicht hoch anspruchsvoll. Sie benötigt die Darstellung eines beruflich wie privat hoch emotionalisierten Mannes durch verschiedene charakterliche wie stimmungstechnische Facetten. Subramanian fehtlen gestern Abend rundweg die schauspielerischen Grundlagen.

Gute darstellerische wie gesangliche Leistungen hat Patrizia Häusermann als Betty Schaefer gestern Abend geliefert. Mit einem klaren Mezzosopran hat mir ihr Spiel gut gefallen.

Mein Fazit

Es war ein kurzweiliger und insgesamt gelungener Theaterabend, auch wenn ich mir an der einen oder anderen Stelle ein bisschen Mehr gewünscht hätte. Wie in der Vergangenheit hat das Stadttheater mit seinen Gastdarstellern immer wieder ein fähiges Händchen bewiesen. Der diesmalige Versuch, fast komplett mit dem Hausensemble solch ein anspruchsvolles Stück zu stemmen, ist nicht mit der von mir gewünschten Qualität gelungen.

Das Haus ist nicht ohne Grund von der Fachzeitschrift Opernwelt, nach 2012 bereits zum zweiten Mal, als Opernhaus des Jahres nominiert worden. Aber als Musicaldarsteller sind die meisten Operensemblemitglieder leider nicht geeignet. Musical ist mehr als Aneinanderreihung aus Tanz, Schauspiel und Gesang. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass das Stadttheater Bremerhaven entweder wieder ein eigenes Musicalensemble, wie in der Vergangenheit aufbaut, oder aber mehr Gäste, wie in den vorangegangenen Spielzeiten, nach Bremerhaven einlädt.

Off-Topic

Nach einer Textanalyse ist dieser Text zu 68% subjektiv, die wichtigsten Worte sind: Sir Andrew Lloyd Webber, Bremerhaven, Ensemble, Orchester, Mayerling, Hollywood, Villa

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